PERFEKTIONISMUS und SCHAM bei hochsensiblen Kindern Ein starker Perfektionismus, ergibt sich bei vielen hochsensiblen Kindern aus ihrem vielfach wahrgenommen Erleben, irgendwie anders oder nicht richtig zu sein. Sie haben häufig einen extrem hohen Anspruch an sich, sind oft unnachsichtig mit sich selbst und häufig nur schwer mit dem zufrieden, was sie selbst geleistet haben. Eigene Fehler versuchen Sie möglichst zu vermeiden, das kann so weit gehen, dass sie aus der Sorge heraus, den eigenen Ansprüchen, bzw. den Vorstellungen anderer nicht zu genügen, neue Aktivitäten verweigern. Aber auch in Bezug auf Fehler im Allgemeinen, haben sie einen besonderen Blick und weisen auf solche hin, ganz unabhängig davon, wer diese gemacht hat. Da sie in ihrem Bewusstsein davon ausgehen, dass jeder Mensch Fehler vermeiden möchte, sind ihre Hinweise in Bezug auf die Fehler von anderen, als Unterstützung gemeint und nicht als Kritik. Deshalb reagieren sie häufig auch irritiert, wenn auf ihren Hinweis hin, die anderen teilweise genervt oder wütend reagieren. Zum Teil zeigt sich der Perfektionismus auch dahingehend, dass sie die Tendenz in sich tragen, bestimmte Tätigkeiten nicht selbst auszuprobieren, sondern diese bei anderen aus sicherer Entfernung zu beobachten.
Von besonderer Relevanz in Bezug auf den Perfektionismus, ist der Umgang der Kinder mit Kritik. Obwohl sie, wie beschrieben, andere häufig auf alle möglichen Fehler oder Regelverstöße hinweisen, reagieren sie auf Kritik, die ihnen selbst entgegengebracht wird, meist sehr empfindlich und sind dabei kaum kritikfähig. Das ist darin begründet, dass sie aus ihrem Empfinden des Andersseins, schnell in ein Gefühl von „nicht zu genügen“ gelangen. Zweifelt das Kind erst einmal an sich, weil es beispielsweise aus seiner Sicht das Beste gegeben hat, ihm dann jedoch Aussagen begegnen wie: „das hast Du falsch gemacht“ oder „schau mal, wie schön die anderen das gemacht haben“, zeigt sich bei ihm in der Regel Scham. Es kann dann innerlich förmlich zusammenbrechen, sowie zunächst handlungsunfähig werden. Aus einer solchen Position heraus, mit dem Rücken zur Wand, ergeben sich dann, je nach Temperament des Kindes, als Reaktion, aus der Scham nicht zu genügen, die beiden Handlungsalternativen, Rückzug oder Angriff. DAS TIEFGREIFENDE GEFÜHL DER SCHAM Viele hochsensible Kinder gelangen also schnell in ein Schamgefühl, wenn sie durch den hohen perfektionistischen Anspruch an sich selbst, bzw. durch Kritik von anderen, ein Gefühl von „nicht zu genügen“ in sich verspüren. Dabei ist es wichtig zu verstehen, das Scham eines der am Schwersten auszuhaltenden Gefühle ist, in dessen Folge die Reaktion des Kindes häufig Rückzug oder Angriff ist. Scham demontiert das Ich und steht dem menschlichen Grundbedürfnis nach Selbsterhaltung/Selbstwerterhöhung entgegen. Ein Schamgefühl entwickelt sich erst mit eineinhalb bis zwei Jahren, da es voraussetzt, dass das Kind ein Bewusstsein von der eigenen Persönlichkeit hat, sowie die Fähigkeit zu besitzt, sich selbst aus der Perspektive von anderen zu sehen. In diesem Alter beginnt das Kind, ein Bewusstsein über die eigene Person zu erlangen und sich von anderen Menschen abzugrenzen. Scham ist ein zutiefst soziales Gefühl, dass sich an den Maßstäben der Gesellschaft orientiert. Ein Kind welches sich schämt, fürchtet sich letztendlich davor, wegen eines möglichen Fehlers verurteilt und aus der Gesellschaft bzw. der Gemeinschaft ausgeschlossen oder vom Umfeld verurteilt zu werden. Um gar nicht erst in ein Gefühl der Scham zu gelangen, versucht es sich möglichst regelkonform zu verhalten. Scham unterscheidet sich von Schuldgefühlen. Schuldgefühle beziehen sich immer auf bestimmte Fehlhandlungen, bei denen sich die Kinder nicht zurückziehen, sondern sich eher bemühen, ihre Fehler wiedergutzumachen oder sich zu verteidigen. Aus einem Schuldgefühl heraus, kann ein Kind aktiv werden und seine Fehler korrigieren. Scham hingeben betrifft immer das Ganze Ich. Beschämte Kinder reagieren in Bezug auf mögliche Fehler eher passiv und fühlen sich klein. Sie möchten am Liebsten im Boden versinken oder unsichtbar sein. Identifizieren lässt sich Scham durch ihre prägnante Gestik. Bei einer nach innen gerichteten Scham lässt das Kind beispielsweise den Kopf und die Schultern hängen, senkt den Blick und macht eher rigide Bewegungen, des Weiteren besteht die Tendenz, dass es rot wird. Darüber hinaus geht die Scham mit einer hohen inneren Verurteilung einher und lässt die Kommunikationsfähigkeit abflauen. Bei einer nach außen gerichteten Scham zeigt das Kind hingegen Ärger und Wut und macht eher größere Bewegungen. Es versucht die Kontrolle zurückzuerlangen, indem es beispielsweise in eine verbale oder körperliche Kampfhaltung geht. Auch hat es die Tendenz, die Verantwortung weiterzugeben und auf andere zu schieben, um es für dich selbst leichter und erträglicher zu machen. Wichtig zu verstehen ist auch, dass Scham nicht, wie häufig gedacht, ausschließlich negativ ist. Neben der ungesunden Form der Scham (toxischen Scham), gibt es auch eine gesunde Scham. Die toxische Scham, entwickelt sich, wenn das Kind sich in seiner Scham allein gelassen, belächelt oder auch weiter entblößt fühlt. Kinder mit toxischer Scham neigen dazu, sich nackt, beobachtet und von anderen getrennt zu fühlen, was auf der einen Seite ihr Empfinden von falsch und schlecht sein nährt und auf der anderen Seite ihren Kampf- bzw. Rückzugsreflex befeuert. Auch können aus dem Gefühl der Scham sekundäre Gefühle wie Angst, Panik, Stress, bis hin zum „außer sich sein“, erwachsen. Über eine gesunde Scham, kann das Kind einen guten Kontakt mit sich selbst aufbauen und mit ihrer Hilfe lernen, klare Grenzen zwischen sich und anderen zu ziehen. Darüber hinaus wird über das Schamerleben erlernt, ein Gefühl zu entwickeln von, dies ist mein Bereich, hier höre ich auf und du fängst an, womit auch die Fähigkeit einhergeht, Gefühle für andere, Toleranz und Flexibilität, sowie Motivation für Veränderungen zu entwickeln. Das gesunde Schamgefühl spielt eine wichtige Rolle für die gesunde psychische Entwicklung des Kindes innerhalb seines Umfeldes, bzw. des sozialen Systems. Aufgrund dessen ist es wichtig, die Kinder auf behutsame Art und Weise aus einem ungesunden Schamgefühl heraus zu begleiten, sowie sie dahingehend zu unterstützen, ein gesundes Schamgefühl entwickeln zu können. Da Rat- und Vorschläge im Erleben von Schamgefühlen von den Kindern häufig als viel zu dominant erlebt werden, ist es wichtig, dem Kind ohne Besserwisserei zuzuhören. Ziel dabei sollte sein, selbst weniger Vorschläge zu machen, sich dafür aber neugierig den Impulsen des Kindes zu öffnen. Auf diese Art und Weise erfährt das Kind ihr Vertrauen, dass seine Impulse richtig sein können und sie ihm eine eigene Lösung zutrauen. Indem sie präsent sind und voller Annahme dessen, was sich gerade zeigt können sie dem Kind die größtmögliche Unterstützung bieten. Insgesamt ist es hilfreich und unterstützend, dem Kind stets mit einer ehrlichen Wertschätzung zu begegnen, es oft zu loben und ihm das Gefühl zu geben, dass es in Ordnung ist, genauso wie es ist. Aus einer solchen ehrlichen Annahme heraus können sich dann viel leichter Lösungen für bestimmte Herausforderungen finden.

C Loubins Way